Pia Janke: Ironisches Aufbrechen festgefahrener Strukturen

Pia Janke, ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien und Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums, befasst sich in ihrem Aufsatz Ver-rückte Blicke auf die Wirklichkeit. Elfriede Jelineks Texte zu Olga Neuwirths Hörstücken und Opern (2000) mit gemeinsamen Arbeiten von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth:

Die Auseinandersetzung mit Elfriede Jelinek nimmt einen ganz speziellen Stellenwert im Schaffen Olga Neuwirths ein. Ist eine größere Öffentlichkeit durch die Uraufführung von Bählamms Fest bei den Wiener Festwochen 1999 – einer Oper Neuwirths, für die Jelinek das Libretto verfasste – auf diese Auseinandersetzung aufmerksam geworden, so ist immer noch wenig bekannt, dass bereits davor mehrere Kompositionen Neuwirths entstanden sind, die auf Texten von Elfriede Jelinek beruhen. Auch die Jelinek-Forschung weiß von diesen Werken kaum etwas – von Werken, denen immerhin Texte wie Raststätte oder Ein Sportstück zugrunde liegen. Ist es mittlerweile zu einem Stereotyp der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Elfriede Jelinek geworden, die quasi-musikalischen Verfahren ihrer Texte hervorzuheben, die „kontrapunktisch“ organisierten Gewebe ideologiehaltiger Sprachpartikel als Sprechpartituren zu klassifizieren, so fehlt bis jetzt jegliche Untersuchung nicht nur des Umgangs der Komponistin Olga Neuwirth mit diesen Texten, sondern auch der spezifischen Übereinstimmungen und Differenzen der ästhetischen Verfahren der beiden Künstlerinnen. Olga Neuwirth selbst hat wiederholt auf Analogien vor allem im Umgang mit dem vorgegebenen Material hingewiesen, so auf Jelineks Art, „ganz anders mit der Umgangssprache umzugehen, um eine künstliche Sprache zu schaffen, oder Klischees aus der Alltagswelt zu verwenden, um sie ironisch zu verzerren und zu persiflieren.“1 Es ist also nicht nur die „Musikalität ihrer Sprache“2, die Neuwirth an Jelinek fasziniert, sondern auch das Aufgreifen von Floskeln und Schablonen, die, indem sie bearbeitet, fragmentiert, isoliert, verformt, deformiert, persifliert, ironisch verfremdet werden, ein neues, ungewohntes Assoziationspotenzial freisetzen bzw. in ihrer ideologischen Substanz zur Kenntlichkeit entstellt werden. Im ironischen Aufbrechen festgefahrener Strukturen besteht eine wesentliche Übereinstimmung des literarischen und des kompositorischen Anliegens von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth.

aus: Pia Janke: Ver-rückte Blicke auf die Wirklichkeit. Elfriede Jelineks Texte zu Olga Neuwirths Hörstücken und Opern. In: wespennest 118 (2000), 94-102, S. 94-95.

 


Anmerkungen

1 Reinhard Kager: „Ausgefranste Ränder, stiebende Partikelchen“. Gespräch mit Olga Neuwirth. In: Programmbuch Zeitfluß, Salzburger Festspiele 1995, S. 65.
2 „Der Mensch ist eine Ratte“. Christian Baier im Gespräch mit Olga Neuwirth. In: ÖMZ 5/1991, S. 236-238, S. 238.